Zärtlichkeit Ulrich
Carmen Ulrich

Prof. Dr. Carmen Ulrich: Lehrstuhl für Interkulturelle Kommunikation & Internationales Management, European Medical Business Institute – EMBI, EurAKA Hochschule, Schweiz. Als internationale Dozentin verfügt Carmen Ulrich über mehr als 20 Jahre wissenschaftliche Erfahrung und arbeitet heute auch als Coach für Persönlichkeitsentwicklung und Kommunikation

Mit diesem Weckruf besetzt Prof. Dr. Carmen Ulrich den Lehrstuhl für Interkulturelle Kommunikation & Internationales Management am „European Medical Business Institute – EMBI“ der EurAKA Hochschule.

Das inzwischen geflügelte Wort von Papst Franziskus („Wie sehr braucht doch die Welt von heute Zärtlichkeit“, Weihnachten 2014) scheint aktueller und notwendiger denn je. Wir leben in einer Gesellschaft, die um Toleranz kämpfen muss. Dabei ist unser Land sehr international, sowohl was die Beziehungen nach außen betrifft als auch in den internen Zusammensetzungen und Verhältnissen.

Als Dozentin für deutschsprachige Literatur war ich an verschiedenen Universitäten tätig, in München, Delhi, in der lettischen Stadt Daugavpils und in Wuppertal. Dabei durfte ich mit Menschen unterschiedlicher Nationen, Sprachen, Religionen und Herkunft zusammen arbeiten. Manche Seminargruppen waren auch in sich sehr heterogen, insbesondere in Delhi infolge des Kastensystems, der großen sozialen Unterschiede und der verschiedenen Glaubensrichtungen (Hinduismus, Islam, Sikhismus, Christentum u.a.). Und dazu die Literatur – mit ihren verschiedenen Figuren, Kontexten, Ereignissen, Ambivalenzen und Doppelbödigkeiten – als Arbeitsmaterial und Grundlage der Verständigung! 

Ich habe viel von meinen Studierenden gelernt, von ihrer Sicht auf die Welt, den alltäglichen Herausforderungen in einer 17 Millionen-Metropole und ihrem Alltag in den Großfamilien, in denen so manche Frauen für ihre Ausbildung kämpfen müssen. Wie oft habe ich Abschied nehmen müssen von meinem Drang, die Welt eindeutig zu machen. Und wie oft bin ich beschenkt worden, wenn ich mich in Unsicherheiten hineinbegeben habe. Während meiner Auslandstätigkeiten habe ich häufig gedacht: Du hast keine Ahnung, was hier passiert und du bist auf diese dir völlig unbekannten Menschen angewiesen. Das einzig Logische, was du tun kannst, ist daher gelassen bleiben und vertrauen.

Vertrauen heißt auch, die gewohnten Wege zu verlassen, Dinge in Freiheit geschehen zu lassen und bereit zu sein, sich neu inspirieren zu lassen. Inspiration geschieht dann, wenn ich es zulasse, dass andere mich ergänzen und bereichern. Das, was ich von Herzen will, kann ich ohne Gewalt, vielmehr zärtlich und respektvoll fördern.

Das schönste Kompliment am Ende des Semesters war: „Sie haben uns das Denken beigebracht.“ Tatsächlich ist es immer ein Zusammenspiel aus Vielem: Genau hinhören, aufnehmen, das eine oder andere dazu stellen und ein Ziel formulieren (lassen), das wir gemeinsam erreichen werden, wenn jeder dabei ist und das Beste aus sich herausholt.

Carmen Ulrich, European Medical Business Institute, Kommunikationsmanagement & Personalführung, Ein Plädoyer für Zärtlichkeit
Prof. Dr. Carmen Ulrich: Lehrstuhl für Interkulturelle Kommunikation & Internationales Management, European Medical Business Institute – EMBI, EurAKA Hochschule, Schweiz

Respektvolle Neugierde

Als Coach und interkulturelle Trainerin mache ich ähnliche Erfahrungen. Kultur ist eine Art und Weise der Problemlösung. Wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammen arbeiten, haben sie immer eine Vielzahl an Lösungsmöglichkeiten parat. Es gilt, für jedes Problem in seinem konkreten Kontext die beste Lösung zu finden und alle anderen wertzuschätzen und aufzunehmen in den bunten Pool, dem Reservoir an Lösungen für spätere Probleme.

Kulturelle Missverständnisse werden häufig persönlichen, fachlichen, situations- oder systembedingten Defiziten zugeschrieben. Dabei verweist jedes Missverständnis auf mindestens zwei verschiedene Zuschreibungen von Bedeutung. (hier mehr über Konfliktmanagement). Es hat also weniger mit Defizit und Mangel als vielmehr mit Fülle und Reichtum zu tun. Es gibt verschiedene Kommunikations- und Verhaltensregeln und alle haben eine Bedeutung, eine Begründung und eine kulturelle Verankerung. Manches lässt sich verstehen, wenn ich die Hintergründe kenne.

In der ärztlichen Praxis ist es gut zu wissen, dass jeder Mensch eine kulturell bedingte Vorstellung von seinem Körper wie auch seiner Sexualität mitbringt, mit der sich Themen wie Bewegung, Berührung, Scham, Schönheit oder der Prozess des Alterns und Sterbens verknüpfen. Was bedeutet eine Krankheitsdiagnose, wie Brustkrebs, für die türkische Patientin in ihrem konkreten gesellschaftlich-familiären Kontext? Oder der Befund einer psychischen Angststörung für einen arabischen Unternehmer und Familienvater? Ein Handbuch mit klischeehaften, stereotypen Zuschreibungen hilft hier nicht weiter und richtet eher Schaden an. Hingegen ein Bewusstsein über mögliche Unterschiede im Umgang mit Krankheit, die individuell wie auch kontextuell erklärbar sind und offene, respektvoll gestellte Fragen führen sehr wahrscheinlich zur passenden und damit erfolgreichen Therapie. 

Interkulturell kompetent in der Praxis 

Carmen Ulrich: Kommunikation und Zärtlichkeit in der Praxis
Interkulturelle Kommunikation in der Praxis

In meinen interkulturellen Trainings und Workshops für Ärzte und Praxis-Teams sind drei Themen besonders wichtig:

1. Kommunikation mit Patienten: Wie gelange ich zur richtigen Diagnose? Sprachbarrieren wie auch indirekte Kommunikationsstile können den Weg zu einem klaren Befund erschweren. Zu erlernen sind indessen Fragetechniken, die zum Problem durchdringen und wirkliche Verstehensprozesse in Gang bringen.

2. Eine Praxiskultur etablieren und leben: Viele berufliche Teams setzen sich aus unterschiedlichen Kulturen zusammen. Wie lässt sich dieser Erfahrungs- und Wissensschatz in der Praxis nutzen? Und welche Werte gilt es auszuhandeln, weil sie den alltäglichen Ablauf erleichtern und das Miteinander bereichern? Ziel ist es, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und gemeinsame Überzeugungen zu generieren.

3. Umgang mit diversen Körperkonzepten und Emotionen: Die Übermittlung von (schwerwiegenden) Diagnosen kann beim Patienten sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen, die auch kulturelle Wurzeln haben. Ein starker Ausdruck von Emotionen kann Empathie auslösen, die zur Erschöpfung führt. Echtes Mitgefühl setzt das Verstehen des Patienten voraus. Die Kenntnis verschiedener kulturell bedingter Körperkonzepte und Varianten emotionaler Äußerungen verhilft dazu, adäquat reagieren zu können.

Interkulturelle Kompetenz bedeutet für mich, Menschen verschiedener Herkunftskulturen in ihren Sinnzusammenhängen zu sehen. Was angesichts der Kulturenvielfalt den Eindruck von Komplexität auslöst, kann sich in der tatsächlichen Begegnung ganz leicht anfühlen. Nicht allein die äußeren Umstände einer globalisierten, multikulturellen Gesellschaft, vielmehr die Empfänglichkeit und Bereitschaft, neue Wege auszuprobieren, bringt Menschen zusammen und in beruflichen Kontexten innovative Konzepte hervor. Dafür braucht es vitalen Mut, eine der sechs Grundtugenden – neben Weisheit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Transzendenz –, die in allen Kulturen hoch geachtet sind, den Mut und das Vertrauen, dass aus Vielfalt Gutes entstehen kann.

Mehr zum Thema Konfliktmanagement erfahren Sie hier.